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Auf 136 Rädern durch die Nacht
 

Schwertransport bringt Alstom-Lok von Kassel nach Hamburg

Pünktlich um 22 Uhr am Sonntag geht auf der Holländischen Straße in Kassel nichts mehr. Langsam schiebt sich ein 60 Meter langer Schwertransport auf die Bundesstraße in stadtauswärtiger Richtung. Die Fracht: eine 130 Tonnen schwere Alstom- Lokomotive vom Typ ALP-45DP, die nach Hamburg gebracht wird. Von dort geht es dann mit dem Schiff an ihren Einsatzort: den Großraum von New York City.

 

Kurz vor der Abfahrt steht Karsten Reichel vor dem Führerhaus der speziellen Zugmaschine mit 600 PS. Der 34- Jährige fährt Schwertransporte, seitdem er 21 ist. Aufgeregt ist er nicht: „Das ist alles Routine. Unkonzentriertheiten darf man sich trotzdem nicht leisten“, sagt er. „Ich bin ja nicht alleine: Was wir hier machen, ist immer Teamarbeit.“ Das Team besteht aus insgesamt zehn Personen, die alle zur Universal- Transport-Gruppe aus Paderborn gehören. Die Zugmaschine wird unterstützt von einem weiteren Fahrzeug am Ende des Anhängers. Je nach Bedarf schiebt oder bremst es den insgesamt 200 Tonnen schweren Lkw. Hinzu kommen fünf Begleitfahrzeuge. Auf dem Beifahrersitz im Führerhaus sitzt Holger Dechant, Geschäftsführer der Universal-Transport-Gruppe.

 

Er müsse sich oft fragen lassen, warum für Schwertransporte Landstraßen stundenlang blockiert seien. „Wir würden auch lieber über die A7 direkt nach Hamburg fahren. Für so einen Transport sind viele Brücken in Deutschland aber nicht ausgelegt“, sagt er. Die Strecken müssen bis ins kleinste Detail geplant werden. Über die Schiene könne die Lok, die inklusive Transport fast neun Millionen Euro kostet, auch nicht gefahren werden, weil sie nicht mit dem deutschen Schienennetz kompatibel sei (siehe Artikel unten). Deshalb braucht der Konvoi vier Nächte bis nach Hamburg.

 

Die erste Etappe führt von Kassel über die B7 nach Calden, über Warburg bis zur Raststätte „Am Biggenkopf“ an der A44 bei Diemelstadt.Mehr als 60 Stundenkilometer sind nicht drin, meist geht es aber deutlich langsamer vorwärts. Um viele Brücken zu passieren, muss die sogenannte Kesselbrücke, der spezielle Anhänger, auf dem die Lok steht, abgesenkt werden. Nach oben und unten sind dann nur wenige Zentimeter Luft. Insgesamt hat der XXLLkw 136 Räder, auf die sich die Last verteilt. „Es geht nicht um Schnelligkeit“, sagt Dechant. „An erster Stelle steht die Sicherheit aller Beteiligten, dann kommt die Fracht.“ Dechants Unternehmen ist auf solche Einsätze spezialisiert und organisiert die komplette Lieferung bis zum Kunden. „Wir machen jede Nacht 300 Schwertransporte in ganz Europa.“

 

Dass sie hinter dem Konvoi festhängen, ist nicht für alle Autofahrer zu ertragen. Trotz Überholverbots drängeln sich manche vorbei, einer schaltet dabei sogar das Licht aus. „Ich rege mich über so was wahrscheinlich noch mit am meis-ten auf, unser Team kennt das nur zu gut“, sagt Dechant. „Schwertransporte zu fahren, ist die Königsdisziplin, dafür braucht man absolute Ruhe und einiges an Erfahrung.“ Bei Obervellmar hält der Schwertransport erst einmal rechts an, um den Stau hinter sich aufzulösen.

 

Bevor die Lok in Calden ist, fahren dort zwei Begleitfahrzeuge ein. Ein Verkehrssicherungsmonteur baut Straßenschilder ab, sein Kollege am Ende des Konvois baut sie später wieder auf. Die anderen restlichen Begleitfahrzeuge halten den Verkehr auf. Eine Autofahrerin muss vor dem Rathaus im Caldener Ortskern warten und fragt, wie lange das wohl dauern wird. „Eine Lok? Ich dachte, jetzt kommt ein Windrad. Da muss ich mal ein Foto machen“, sagt sie. Um halb 12 bekommt sie ihr Foto, als der Schwertransport im Schritttempo vorbeirollt.

 

Drei von 25 Lokomotiven ausgeliefert

 

Fahrzeuge aus Kassel bringen Pendler aus New Jersey nach Manhattan

 

Die Lokomotiven aus Nordhessen bringen Pendler aus Newark im US-Bundesstaat New Jersey zum Hoboken- Fährterminal und der Penn Station in Manhattan (New York). Drei Loks haben das Werk verlassen, bis Sommer 2022 sollen noch 22 weitere von Kassel in die USA gebracht werden, geplant sind die Transporte etwa im Zwei- Wochen-Rhythmus.

 

Zwischen 2010 und 2012 wurden bereits 55 Lokomotiven vom Typ „ALP-45 Dual Power“ ausgeliefert – damals noch unter dem Namen Bombardier. Die BombardierZugsparte wurde im Januar 2021 vom französischen Konkurrenten Alstom übernommen. 35 Loks gingen damals nach New Jersey, 20 ins kanadische Montreal. Die Typbezeichnung steht für American Locomotive Passenger 4 (Achsen) 5 (Megavoltampere/ Trafoleistung). Die Fahrzeuge sind aufgrund ihrer zu hohen Achslast und breiterer Spurkränze an den Innenseiten der Lokomotivräder nicht für das europäische Bahnnetz geeignet.

 

Die große Besonderheit der Lok: Sie hat zwei Motoren. „Die Maschine kann sowohlelektrisch als auchmit einem Dieselmotor betrieben werden“, berichtet Roman Porta, der bei Alstom für das Projekt verantwortlich ist. „Das ist notwendig, weil nicht alle Strecken im Großraum New York elektrifiziert sind. ImTunnel unter dem Hudson-River sind dagegen keine Dieselantriebe erlaubt“, erklärt er. Ohne diese Technik wären die Pendler stets zu einem Umstieg gezwungen.

 

Im Pendelverkehr zieht oder schiebt die Lok Züge mit bis zu 1500 Passagieren – je nach Fahrtrichtung. Das Umschalten zwischen Dieselund E-Betrieb ist theoretisch bei voller Fahrt und ohne Leistungsverlust möglich. Aus Sicherheitsgründen wird dies allerdings nur im Stehen in Stationen gemacht. „Die Passagiere merken nichts“, sagt Porta.

 

Pressemitetilung, 30.11.2021.

 

 

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