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XL-Presse fürs VW-Werk
 

Gigantische Bauteile aus Melbourne bilden neue Produktionsstraße in Original Teile-Fabrik

Es ist wie aus einem Technik-Baukasten für Riesen. 2400 Tonnen Material aus 53 großen Schiffscontainern werden derzeit in der Halle 2 des VW-Werks in Kassel zu einer 65 Meter langen Linie mit insgesamt sechs Pressen zusammengesetzt. Ein Großteil der unzähligen Teile wurde von einem Händler für gebrauchte Maschinen in Melbourne bei Ford abgebaut und mit dem Schiff bis Bremerhaven und schließlich mit Lastwagen nach Nordhessen gebracht.

 

Die größten Bauteile seien mit dem Schiff nach Hamm geliefert worden, erläutert Projektleiter Klaus-Dieter Knorr. Doch noch gebe es keine Freigabe von Hessen Mobil für die Weiterfahrt per Lkw. Weil die Pressen-Teile bis zu 112 Tonnen schwer seien, gebe es Bedenken bei der Überfahrt über Brücken, etwa bei Niedervorschütz, sagt Knorr. Jetzt warte man auf die Freigabe für eine andere Route.

 

Im Frühjahr 2019 sollen die Kolosse Karrosserieteile für das Ersatzteilgeschäft von VW ausspucken. Sprich: Das Werk beliefert direkt das benachbarte Original-Teile-Center (OTC) in Baunatal mit neuen Kotflügeln, Türen und Motorhauben älterer VW-Modelle. Damit wurde in Baunatal das völlig neue Geschäftsmodell „Original Teile Fabrik“ geschaffen.

 

Für die aktuelle Fahrzeugflotte werden die Ersatzteile nämlich von den fahrzeugbauenden Werken – etwa für den Golf in Wolfsburg – gleich mitproduziert, erläutern Knorr und Mit-Planer Michael Knatz. „Teile für die älteren Autos kommen von hier.“ Auf diese Weise vermeide man künftig auch logistischen Aufwand, um die Karosserieteile mit dem Lkw ins OTC nach Baunatal zu bringen, ergänzt Werksprecher Heiko Hillwig.

 

Vier Pressen aus Melbourne einschließlich Robotertechnik werden jetzt hintereinander in der Halle 2 installiert, zwei eigene von VW kommen noch hinzu. Die gesamte Linie, so Knorr, habe eine Gesamtpresskraft von 84 000 Kilo-Newton. In fünf bis sechs aufeinanderfolgenden Arbeitsschritten werden künftig Rohlinge aus Blech zu den gewünschten Autoteilen geformt.

 

Extrem umfangreich waren die Vorbereitungen vor dem Aufbau der Maschinen. Im sogenannten Pressenkeller, also der Etage unterhalb der eigentlichen Linie, wurden extra Fundamente aus Beton gegossen. Weil die Anlage aus Melbourne teilweise zu breit waren, mussten die Ingenieure und Statiker in die bestehende Hallenstruktur eingreifen. Alte Fundamente wurden zum Teil weggeschnitten, andere neu gegossen. „Das ist die spannendste und nervenaufreibendste Aufgabe, die ich je hatte“, unterstreicht der Projektleiter.

 

Dass es in Australien eine gebrauchte Presse gab, hat maßgeblich dazu beigetragen, dass das Baunataler Werk den Auftrag für die Produktion der Karosserieteile an Land gezogen hat. Ohne den Kauf einer gebrauchten Anlage, erläutert Knorr, „wären wir nicht wirtschaftlich gewesen“. Immerhin hätte eine neue Produktionslinie etwa 45 Millionen Euro gekostet, sagt der Experte. „Da sind wir jetzt deutlich günstiger.“ Fünf bis sechs Firmen – fast alle aus der Region – sind seit August am Aufbau der Anlage beteiligt. Etwa 20 Mitarbeiter aus dem Baunataler Werk unterstützen das Projekt. Klaus-Dieter Knorr bringt den Aufwand auf den Punkt: „Das ist ein Brocken.“ Ein Brocken, der den Standort stützt.

 

Die Investition zähle zu den Kernthemen für die Zukunft des gesamten Standorts, sagt Werksprecher Hillwig. „Wir wollen für das Ersatzteilgeschäft produzieren. Das trägt zur Beschäftigungssicherung bei.“

 

HNA, 01.10.2018 von Sven Kühling