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10 Jahre Straßenbahn in Vellmar
 

Ein Gewinn für die Kleinstadt

Mit der Straßenbahn vom Bergpark Wilhelmshöhe bis nach Vellmar. Um dieses Vorhaben umsetzen zu können, „mussten einige dicke Bretter gebohrt werden“, sagt Reiner Brandau, seinerzeit KVG-Projektleiter und damit zuständig für den Neubau der Tramtrasse mitten durch das Vellmarer Stadtgebiet. Der 64-Jährige war auch schon am Bau der Trasse nach Baunatal 1993 und durchs Lossetal 1997 beteiligt.

 

Doch die Tramlinie in Vellmar ist und bleibt für ihn und seinen früheren Kollegen, Bauleiter Achim Gerber, etwas Besonderes. Denn der Verlauf der Vellmarer Trasse war nicht durch ein bereits vorhandenes Gleisbett vorgegeben. Um die Straßenbahn durch Vellmar fahren lassen zu können, mussten die Planer massiv ins Stadtbild eingreifen. Und dieser Umstand sorgte zu Beginn der Planungen nicht bei allen Bürgern für große Akzeptanz. Obwohl eine Machbarkeitsstudie längst einen positiven Kosten- Nutzen-Faktor für das Großprojekt bestätigt hatte.

 

„Auch ich war erst mal skeptisch, wie wir mit dem positiven Ergebnis umgehen sollen“, sagt Dirk Stochla, der 2002 das Bürgermeisteramt von Kurt Stückrath übernommen hatte und sich mit den ersten Trassenplanungen konfrontiert sah. Was passiert mit dem Stadtbild? Kann sich Vellmar ein solches Projekt leisten? Gibt es die nötige Akzeptanz in der Bevölkerung? Diese und andere Fragen trieben den jungen Verwaltungschef um. Stochla, damals 30 Jahre alt, hatte gerade ein schweres Erbe angetreten. Die Haushaltslage war längst nicht mehr so rosig wie in den Jahrzehnten zuvor. Viele städtische Einrichtungen aus den 70er-Jahren mussten saniert, Kindertagesstätten gebaut werden. „Das war schon eine schwierige Zeit.“ In einer Kleinstadt wie Vellmar sei der Bürgermeister schließlich das „entscheidende Rädchen“.

 

Stochla nahm seine Rolle ernst. Von Beginn an war er in alle Planungen involviert, versuchte dabei immer, die Perspektive des Bürgers einzunehmen. Nach gut einem Jahr war er selbst davon überzeugt, dass das Vorhaben Straßenbahn umgesetzt werden kann. Für Stochla stand fest: „Eine Straßenbahn in Vellmar kann es nur geben, wenn alle Beteiligten kompromissbereit sind und sich eine politische Mehrheit jenseits der SPD findet.“

 

Mit der KVC, der Planungstochter der KVG, wurden in der Folge zig Varianten besprochen, die Trasse wurde Meter für Meter bis ins kleinste Detail diskutiert. „Wir haben uns auch gestritten, aber am Ende haben wir alle an einem Strang gezogen“, erzählt Stochla. So berichten es auch andere maßgeblich Beteiligte wie Bauleiter Achim Gerber und Projektleiter Reiner Brandau von der KVG sowie Wolfhard Eidenmüller, der damals mit Dieter Ehricke das Projekt als Vertreter der Stadt Vellmar intensiv begleitet hatte. „Wir saßen mit bis zu 25 Leuten an einem Tisch“, erinnert sich Brandau. Darunter Vertreter von Hessen Mobil, der Landkreis, das Regierungspräsidium, die Technische Aufsichtsbehörde, die EAM, die Telekom und weitere Akteure. „Die alle unter einen Hut zu bekommen, war schon eine Herausforderung“, sagt Gerber und Brandau ergänzt: „Wir befanden uns in einem Spannungsfeld mit der Bevölkerung und den Behörden.“

 

Das große Ziel: Alle Bürger sollten gleichermaßen von der Tram profitieren. „Das war eine riesige Chance, die Stadt attraktiver zu machen – aber die Straßenbahn musste sich ins Stadtbild integrieren“, sagt Stochla. Deshalb sei es beispielsweise undenkbar gewesen, die Straßenbahn zweigleisig durch die Stadtmitte zu führen. Zum einen wäre der Eingriff zu massiv gewesen. Zum anderen hätten die Anlieger teilweise enteignet werden müssen, um genügend Raum zu schaffen. Am Ende setzte sich die Stadtverwaltung durch, die Bahn fährt heute eingleisig am Rathaus vorbei.

 

Weitere Herausforderungen waren unter anderem der Bau der Kreuzung B7/ Triftstraße/Günterslohe und die gewöhnungsbedürftige Trassenführung. Zuerst fährt die Bahn in Richtung Vellmar im Linksverkehr neben der vierspurigen B7, wechselt dann zwischen die beiden Spuren, bevor sie sich vor dem Abzweig nach Vellmar rechts einfädelt.

 

Während der fast zweieinhalb Jahre dauernden Bauzeit sah es in Vellmar oft chaotisch aus. Gigantische Baugruben und viel schweres Gerät zierten das Stadtbild. Gleichzeitig musste der Individualverkehr gewährleistet werden. „Wir haben uns viele Gedanken gemacht, wie wir umleiten, damit es für die Bürger nur wenig Einschränkungen gibt. Das war schon eine Herausforderung“, sagt Eidenmüller. Auch gestalterisch habe die Stadt Vellmar sich einbringen können. „Wir wollten, dass etwas Schönes entsteht.“

 

Das ist allen Beteiligten offensichtlich gelungen. Heute gehört die Tram zum Vellmarer Stadtbild. Dass es sich hier um eine Erfolgsgeschichte handelt, belegen kontinuierlich steigende Fahrgastzahlen.

 

Pressemitteilung, 22.10.2021.

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