Logo Regionalmanagement Nordhessen
Deutsch  Deutsch

Friedrich Ebert und seine Straße
 

Reichspräsident wurde vor 150 Jahren geboren und arbeitete auch in Kassel

Die Friedrich-Ebert- Straße war vor Corona in erster Linie als „Fritze Ebert“ und Kasseler Kneipenmeile bekannt. Das wird hoffentlich auch bald wieder so sein. Der Namensgeber und frühere Reichspräsident wurde heute vor 150 Jahren geboren. Dass die Straße mal nach ihm benannt werden sollte, konnte er nicht ahnen. Zu seinen Lebzeiten war das schließlich noch die Hohenzollernstraße. Aber was kaum jemand weiß: Friedrich Ebert hat als junger Mann einige Zeit in Kassel verbracht. Und wie es der Zufall will: „Damals war er für mehrere Monate an der Hohenzollernstraße 78 beschäftigt“, sagt Walter Mühlhausen. Der Geschäftsführer der nach Friedrich Ebert benannten Gedenkstätte in Heidelberg kennt die Örtlichkeiten. Der 64-Jährige hat an der Kasseler Herderschule Abitur gemacht.

 

Als 18-jähriger Sattlergeselle war Ebert, der aus Heidelberg stammt, damals auf der Walz. Es sei sehr schwierig, die Stationen nachzuvollziehen, sagt Christian Mühlhausen. Aus der Kasseler Zeit gibt es mehrere Belege, darunter der Eintrag im Melderegister. Der junge Ebert fand bei dem Lederfabrikaten Friedrich Salzmann eine Anstellung. Er war dort ab dem 16. März 1890 gemeldet, wohnte bei einer Witwe an der heute nicht mehr existierenden Hohentorstraße in der Kasseler Altstadt und später bei einer Vermieterin an der Bahnhofstraße.

 

Interessant wird der Aufenthalt von Ebert in Kassel durch eine Auseinandersetzung mit dem Fabrikanten Salzmann. Der hat wohl die Vereinbarung über den zu zahlenden Lohn nicht eingehalten. Dazu gibt es eine Aktennotiz der Kasseler Polizeidirektion. Die lautet so: „Bei dem Fabrikanten Friedrich Salzmann, Hohenzollernstraße 78, stellten 29 Sattlergehilfen ohne Kündigung die Arbeit ein, weil ihnen die geforderte Lohnerhöhung nicht bewilligt wurde. Dieselben haben am 9. April, nachdem ihnen die Lohnerhöhung bewilligt worden war, die Arbeit wieder aufgenommen.“

 

Das klingt einfacher, als es wahrscheinlich war. Für Ebert, der später in der SPD eine steile Karriere machte, sei dieser von ihm mitorganisierte Streik ein prägendes Erlebnis gewesen, sagt Walter Mühlhausen. Damals sei es neben dem Lohn auch um die Verbesserung der schlechten Arbeitsbedingungen gegangen. Der kurze, aber erfolgreiche Ausstand sei Ebert so gut in Erinnerung geblieben, dass er das noch 20 Jahre später ausdrücklich erwähnte. Mühlhausen bezieht sich auf Schriftstücke, in denen Ebert die große Solidarität der Salzmann-Arbeiter und darüber hinaus auch in anderen Kasseler Betrieben erwähnt. Wahrscheinlich sei der Ausstand auch die Triebfeder für die von Ebert betriebene Gründung einer Unterstützungskasse der Sattler gewesen.

 

Mühlhausen ist davon überzeugt, dass Ebert die Zeit in Kassel nachhaltig geprägt hat. Bisher sei das nicht wirklich bekannt gewesen. Heute ist die wichtigste Straße im Vorderen Westen nach dem früheren Sattlergesellen benannt. Und es gibt noch eine interessante Wendung. Knapp 30 Jahre nach seinem Aufenthalt in Kassel an der Hohenzollernstraße wurde Friedrich Ebert als Reichspräsident zum Staatsoberhaupt. Er löste mit Kaiser Wilhelm II. den letzten Hohenzollern ab.

 

Pressemitteilung, 04.02.2021.