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„Ein Bahnhof braucht Trubel“
 

Neue Bahnhofsmanagerin über Perspektiven für Kassel

Gut hundert Tage ist Michaela Andresen mittlerweile im Amt. Die 42-Jährige ist als Bahnhofsmanagerin für hundert Bahnhöfe in Nord- und Osthessen zuständig. Im Interview spricht sie über ihre Arbeit, die Perspektiven für die Kasseler Bahnhöfe und was kurzfristig getan werden kann, damit das Warten am Fernbahnhof Wilhelmshöhe weniger kalt und zugig wird.

 

Frau Andresen, wie sieht Ihr Arbeitsalltag als Bahnhofsmanagerin aus?

 

Mein Tag beginnt auf jeden Fall sehr früh – um 5 Uhr klingelt der Wecker. Als Erstes verschaffe ich mir einen Überblick über die Wettersituation. Das ist gerade in den Wintermonaten ein großes Thema. Wir haben für verschiedene Haltepunkte entsprechende Paten, die sich vor Ort täglich ein Bild von der dortigen Situation machen. Ich fahre auf dem Weg zur Arbeit einen kleinen Umweg und so an drei Bahnhöfen im Bereich Vellmar vorbei, um mich zu überzeugen, dass dort alles in Ordnung ist.

 

Sie fahren also nicht immer mit dem Zug?

 

Nein, das stimmt, allerdings sehr oft. Zur Arbeit fahre ich aber eben auch manchmal mit dem Auto, weil es schneller geht, wenn man noch die unterschiedlichen Haltepunkte anfahren muss. Aber ansonsten bin ich auch auf privaten Reisen passionierte Bahnfahrerin. Wenn ich meine Eltern in meiner Heimat in Schleswig-Holstein besuche oder Freunde in München, dann nehme ich immer den Zug. Für mich ist Bahnfahren auch einfach sehr entspannend.

 

Sie waren also zumindest als Reisende schon mal in Kassel, bevor Sie die Stelle angetreten haben?

 

Genau. Und ich habe in meiner vorherigen Position bei der Deutschen Bahn bereits im Bereich Cashmanagement auch den Standort Kassel betreut. Die Region war für mich also kein Neuland. Ich bin immer tageweise von Frankfurt gependelt. Der Aufgabenbereich der Bahnhofsmanagerin ist allerdings für mich neu, deshalb musste ich mich hier seit Oktober erst mal ein bisschen einfinden.

 

Sie sind für hundert Bahnhöfe in Nord- und Osthessen zuständig. An wie vielen davon haben Sie in dieser Zeit schon am Gleis gestanden?

 

An so einigen – wie viele genau, kann ich nicht sagen. Vorwiegend natürlich an den Bahnhöfen, an denen jetzt größere Sanierungen anstanden oder anstehen. Mir ist es vor allem wichtig, in Kontakt mit den Kommunen zu kommen. Denn die meisten dieser Projekte stemmen wir ja nicht als Bahn alleine. Zudem kann man nur so erfahren, was den Menschen vor Ort wichtig ist. Wir sind und wollen Deutschlands größter Gastgeber sein. Am wichtigsten dafür ist es, zu wissen, was unsere Gäste sich wünschen. Kassel ist für die Region das Tor zur Welt, aber mir ist eben nicht nur der große Bahnhof wichtig, sondern auch die kleineren Haltepunkte in der Region.

 

Wie reagieren Sie darauf, wenn jemand Kassel-Wilhelmshöhe als Palast der Winde bezeichnet?

 

Ich würde lügen, wenn ich sage, dass das noch kein Thema gewesen wäre. Nicht wenige, die hier umsteigen, bemängeln, wie kalt und zugig es in Kassel ist. Deshalb habe ich mir natürlich auch Gedanken gemacht, wie man dort kurzfristig Abhilfe schaffen kann.

 

Und?

 

Wir werden im Rahmen des Sofortprogrammes des Bundes auf den Fernbahnsteigen vier Wartehäuschen errichten, in denen sich die Reisenden windgeschützt aufhalten können. Die Materialien dafür sind schon da. Es muss jetzt nur etwas wärmer werden, damit die Betonfundamente gegossen werden können. Auch mit Blick auf die Gastronomie wollen wir schauen, dass dort zukünftig weitere Sitz- und Wartemöglichkeiten entstehen.

 

Nicht wenige klagen darüber, dass das Umsteigen in Kassel aufgrund der langen Rampen im Gegensatz zu anderen Bahnhöfen sehr beschwerlich und zeitaufwendig ist.

 

Man darf die Rampen nicht als Nachteil sehen, auch wenn es mit Sicherheit Bahnhöfe mit kürzeren Wegen gibt. Der Vorteil ist, dass der Bahnhof in Wilhelmshöhe schon optimale bauliche Voraussetzungen hat. Die langen Bahnsteige ermöglichen, dass dort auch die sogenannten XXL-ICEs problemlos halten können. Lange Bahnsteige sind für Bahnhofsmanager immer vorteilhaft, da viel Platz für Reisende ist und die Übersichtlichkeit gewahrt wird. Wenn man sich Fernbahnhöfe anschaut, die jetzt neu gebaut werden, sieht man dort überall entsprechend lange Bahnsteige. In Kassel muss man sich darüber aber keine Gedanken machen, weil sie eben schon da sind.

 

Ist das ein Vorteil für die kommenden Jahre und die anstehende Verkehrswende?

 

Auf jeden Fall. Wir haben in Kassel acht Ferngleise und vier Tramgleise, das ist im Grunde ideal, um sowohl Fern- als auch Nahverkehr einzubinden. Mit Blick auf die Verkehrswende muss man sich jetzt schon fragen, ob unsere Kapazitäten ausreichen. Die ersten Messungen zeigen, dass wir da in Kassel mit Blick auf die Bahnsteige gut aufgestellt sind. Parallel dazu muss man natürlich auch andere Dinge, wie Fluchtwege, Gastronomie, Toiletten und Wartebereiche im Blick haben. Früher war es wichtig, möglichst viel auf dem Bahnsteig zu haben. Automaten für Snacks und Fahrkarten beispielsweise. Das sieht man jetzt anders. Ein Bahnhof muss übersichtlich sein. Gerade auch in Kassel macht das Sinn, damit sich die Menschen mit Blick auf Großereignisse wie die documenta gut verteilen können. Neben dem Fernbahnhof hat Kassel auch noch den in der Stadt gelegenen Hauptbahnhof, der oft ein bisschen vergessen wird. Wie sieht es dort aus? Auch hier darf man nicht unterschätzen, dass der Bahnhof täglich 12 000 Besucher hat. Das sind die Reisenden und die Personen, die zum Bahnhof kommen, um dort beispielsweise einzukaufen oder zu Nicht-Coronazeiten die Kulturangebote zu nutzen. Im vergangenen Jahr haben wir bereits die Fassade des nördlichen Teils des Empfangsgebäudes renoviert. Mittelfristig planen wir am Hauptbahnhof verschiedene Dinge. Maßnahmen zur Taubenabwehr, die Verbesserung des Wartebereichs, ein neues Beleuchtungskonzept im Empfangsbereich, eine energetische Verbesserung und auch optisch soll der zentrale Haltepunkt in Kassel weiter aufgewertet werden.

 

Gibt es eine Perspektive für den Hauptbahnhof?

 

Bis Ende des Jahrzehnts ist geplant, den Hauptbahnhof umzubauen. Dabei sollen die Bahnsteiglängen und Dächer angepasst, also entsprechend zurückgebaut werden. Anders als am Fernbahnhof in Wilhelmshöhe braucht man im Nahverkehr diese langen Bahnsteige nicht. Auch mit Blick auf die Barrierefreiheit des Bahnhofs werden Anpassungen nötig sein.

 

Sie haben es angedeutet: Wird der Hauptbahnhof mit Blick auf die dortigen Kulturangebote auch wieder documenta-Standort sein?

 

Ich wollte mir eigentlich in meinen ersten Wochen hier selbst ein Bild vom Kulturstandort machen. Dazu sollte es ein Treffen mit Kulturdezernentin Susanne Völker und Martin Sonntag, dem Leiter der Caricatura, geben. Das war wegen Corona bislang nicht möglich. Es soll aber Gespräche geben, wie auf jeden Fall der Vorplatz und möglicherweise auch andere Bereiche in die documenta mit einbezogen werden könnten.

 

Durch das Coronavirus sind die Fahrgastzahlen eingebrochen. Hat das Auswirkungen auf Ihre Arbeit?

 

Natürlich haben wir am Bahnhof entsprechende Schutzmaßnahmen vorgenommen. Von Desinfektionsspendern über Hinweisschilder bis hin zu unseren verstärkten Reinigungszyklen. Wir sind weiterhin mit allen Mitarbeitern vor Ort. Es ist niemand in Kurzarbeit. Für die Reisenden, die da sind, soll alles so optimal wie möglich sein. Doch der Bahnhof ist leer geworden. Ein Bahnhof braucht Trubel und ein gewisses Maß an Hektik, das ist das, was ihn ausmacht.

 

Pressemitteilung, 01.02.2021.