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Kampf ums Fördergeld
 

Wissenschaftler erforschen Regeln des Wettbewerbs von Universitäten

Deutschlands Universitäten sind im Umbruch. Forschung und Lehre werden immer mehr vom Wettbewerb um staatliche Fördergelder, die talentiertesten Studierenden und die vielversprechendsten Nachwuchswissenschaftler bestimmt. „Das ist ein globaler Trend“, sagt Prof. Dr. Georg Krücken, Soziologe und geschäftsführender Direktor des Incher, einer Forschungseinrichtung der Universität Kassel.

 

Das Incher hat nun erfolgreich bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) die Bildung einer interdisziplinären Forschungsgruppe mit namhaften Wissenschaftlern von acht Universitäten beantragt. Die von der Uni Kassel koordinierte Gruppe will untersuchen, welche Auswirkungen dieser Wettstreit um Geld, Profil, Reputation und möglichst gute Plätze in Rankings auf die Führungs- und Organisationsstrukturen von Universitäten, ihren Forschungs- und Lehrbetrieb haben und welche unerwünschten Nebenwirkungen der Wettbewerb erzeugt.

 

„Wir wissen zu wenig darüber, wie sich das Zusammenwirken vieler einzelner Wettbewerbe auf das Hochschulsystem insgesamt auswirkt“, sagt Krückens Stellvertreter, Volkswirt Prof. Dr. Guido Bünstorf. Ziel der Forschungsprojekte sei nicht nur, eine Bestandsaufnahme zu machen, sondern auch der Hochschulpolitik Handlungsempfehlungen für ein verbessertes Förderkonzept für Wissenschaft und Lehre sowie den Unis Tipps für ein besseres Management zu geben, ergänzt Krücken, der Sprecher der Forschungsgruppe. Bundesregierung, Länder und die EU treiben den Wettbewerb mit einer Vielzahl von Initiativen zur Verbesserung von Forschung und Lehre an, beispielsweise der Exzellenzinitiative oder dem Qualitätspakt Lehre. Wenn sich Universitäten daran beteiligen, hat das eine Kehrseite: Die nötigen Anträge kosten viel Zeit und Ressourcen, die den eingebundenen Wissenschaftlern dann für andere wichtige Forschungsprojekte fehlen. Die nun bewilligte Forschungsgruppe sei dafür ein gutes Beispiel, sagt Krücken. „Wir haben mit den ersten Gesprächen schon vor fünf Jahren begonnen und haben uns dann Verbündete gesucht“, erklärt der Wissenschaftler. Häufig löst die Teilnahme an solchen Wettbewerben Frustration bei den Wissenschaftlern aus: Laut Krücken sind nur sehr wenige solcher Anträge auf Exzellenz- Förderung erfolgreich.

 

Krücken und Bünstorf sehen die Gefahr, dass durch das aktuelle Förderkonzept von EU, Bund und Ländern kleinere Universitäten ins Hintertreffen geraten könnten. Schon jetzt gehe der Löwenanteil öffentlicher Fördergelder an die großen Universitäten, sagt Bünstorf. Das könne dazu führen, dass der Wettbewerb der Hochschulen zunehmend unter „unfairen Bedingungen“ geführt werde und die kleineren Universitäten immer mehr Probleme bekämen, gute Nachwuchswissenschaftler an sich zu binden. Deren Karrierechancen hingen offenbar auch davon ab, welchen Ruf die Universität habe, an der sie studiert oder promoviert haben, sagt Bünstorf. Die Universität Kassel habe den Nachteil, dass es hier – mit Ausnahme des Fraunhofer-Instituts – an einer regionalen Infrastruktur weiterer wissenschaftlicher Einrichtungen fehle, meint Krücken. 

 

Uni Kassel erhält 1,2 Millionen Euro 

 

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hat für die neue Forschungsgruppe „Multipler Wettbewerb im Hochschulsystem“ insgesamt 3,9 Millionen Euro für zunächst drei Jahre bewilligt. Davon fließen 1,2 Millionen Euro an die Universität Kassel.

 

In der Forschungsgruppe arbeiten elf Wissenschaftler von acht Hochschulen – darunter Kassel – zusammen. Der Sprecher der Forschungsgruppe, Prof. Dr. Georg Krücken, leitet selbst das Teilprojekt „Multipler Wettbewerb in Forschung und Lehre“. Dabei werden anhand von Fallbeispielen und Interviews die Wechselwirkungen analysiert, die staatlich initiierte Wettbewerbe innerhalb der Organisationsstruktur einer Universität auslösen. Krückens Kasseler Kollege Guido Bünstorf untersucht, wie der Wettbewerb der Hochschulen den Arbeitsmarkt für Promovierte beeinflusst. Er kann dabei auf die Daten der Beschäftigungsverläufe von mehr als einer halben Million Promovierter zurückgreifen. pdi

 

Pressemitteilung, 11.01.2021.