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Oldtimer ist mit Strom unterwegs
 

Veit Prior hat einen 59 Jahre alten 1000er Universal der Auto Union zum E-Fahrzeug umgebaut

Mit seinem taubenblauen Oldtimer-Kombi bringt Veit Prior häufig Passanten zum Staunen. Der Grund: Am Ende seines Nummernschilds trägt der 1961 gebaute Auto Union 1000 Universal nicht das für Oldtimer typische H, sondern ein E für Elektroantrieb. Schon öfter wurde Prior verblüfft gefragt: „So was hat’s damals schon gegeben?“

 

Hat es so natürlich nicht. In dem Transporter aus der Wirtschaftswunderzeit töffelte ursprünglich ein Dreizylinder- Zweitaktmotor mit 44 PS und dem öligen Rauchfahnenduft des DDR-Verkehrs. Prior ist zwar Oldtimerfan, findet dies aber nicht mehr zeitgemäß. Nachdem der 63- Jährige schon zwei klassische Autos selbst restauriert hat, sollte das Projekt mit dem Auto Union seiner Zeit – und auch der Verkehrsgegenwart – voraus sein. „Ich hatte das schon lange im Kopf, ein historisches Fahrzeug zum E-Auto umzubauen“, sagt Prior.

 

Vor sechs Jahren wurde dieser Plan Wirklichkeit. Was auch den Anstoß gab: Priors Sohn Johannes war damals am Kasseler Fraunhofer-Institut tätig und brachte den Oldtimerfan mit Roland Gaber zusammen. Der Techniker, ein Urgestein der Elektromobilität, hatte in den 1990ern maßgeblich denVWGolf 3 City- Stromer mitentwickelt – ein frühes Elektromobil, das Volkswagen seinerzeit in einer kleinen Versuchsserie produzierte. Für sein Projekt habe Gaber „die Teile beschaffen“ können, sagt Veit Prior.

 

Dann musste ein geeignetes Fahrzeug her. Ein Kombi sollte es sein, wegen der höheren Nutzlast, die die schweren Batterien verkraften kann. In Berlin fand Prior schließlich den Auto Union, seit 1977 nicht mehr gefahren und größtenteils zerlegt. Zwei Jahre dauerte die Restaurierung samt Elektro-Umbau. „Das größte Problem dabei war, den E-Motor mit dem vorhandenen Getriebe zu verbinden“, sagt Prior, der etwa 16 000 Euro und ungezählte Arbeitsstunden in seinen Elektro-Oldie investiert hat.

 

Der gilt seit der behördlichen Einzelzulassung 2014 sozusagen als Neufahrzeug – daher das E statt dem H im Nummernschild. Wenn Veit Prior mit seinem Elektro-Exoten zum Einkaufen durch die Stadt surrt, freut er sich über den reichlichen Stauraum des Kombis – und über viele neugierig- bewundernde Blicke.

 

Vor allem der metallene Schriftzug „Elektroauto“ auf der Haube, im Design angelehnt an das ursprüngliche Typenschild „Auto Union“, verblüfft dabei viele. „Als Zahntechniker kann man so was eben“, sagt Prior, der in dieser Branche selbstständig ist und das Blechschild selbst angefertigt hat.

 

Aufgeladen wird der Selbstbau- Stromer an einer herkömmlichen Haushaltssteckdose, was sieben bis acht Stunden dauert. Das reicht laut Prior für etwa 100 Kilometer Reichweite und, wie mit dem Ursprungsmotor, für gut Tempo 100 in der Spitze. Wegen des kräftigen Elektro- Schubs lasse sich der Oldtimer sehr schaltfaul fahren: „Ich bin fast nur im 3. Gang unterwegs“, erklärt Prior bei einer Demonstrationsfahrt. Beherztes Gasgeben sei allerdings angesagt, denn bei Drehzahlen von 3000 bis 4000 Touren sei der Wirkungsgrad des E-Antriebs am besten.

 

Elektrisch ist auch die nachgerüstete Innenraumheizung, denn Kühlwasserwärme von einem Verbrennungsmotor gibt es ja nicht mehr. Gegen die momentane Winterkälte wird sie allerdings kaum benötigt, in diesen Monaten steht der schmucke Oldtimer weitgehend in einer gemieteten Garage im Stadtgebiet.

 

Während die meisten Liebhaber klassischer Autos Wert auf größtmögliche Originalgetreue legen, sieht Oldtimerfan Prior die Sache bei seinem Einzelstück flexibler: „Die Elektrotechnik, die ich eingebaut habe, ist ja mittlerweile auch schon wieder historisch.“

 

Pressemitteilung, 10.12.2020.