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„Trend zum Elektroantrieb“
 

Zukunftsforscher Rammler fordert von der Politik klare Strategien

Der Pkw-Bestand in Deutschland steigt seit Jahren. Werden andere Fortbewegungsmittel in Zukunft gefragter sein? Seriös kann die Frage nicht beantwortet werden. Es gibt aber Trends, die auf Tendenzen hindeuten. Darüber sprachen wir mit dem Mobilitäts- und Zukunftsforscher Prof. Dr. Stephan Rammler vom Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung.

 

Wagen wir mal einen Blick 40 Jahre in die Zukunft: Welches Fortbewegungsmittel hat die besten Zukunftschancen?

Da sind Sie genau an dem Punkt, der Zukunftsforschung so faszinierend, aber zugleich so problematisch macht. Welches Fortbewegungsmittel die besten Zukunftschancen hat, hängt ab von den gesellschaftlichen, ökonomischen und kulturellen Rahmenbedingungen, die sich bis dahin eingestellt haben. Man kann verschiedene Zukunftsszenarien beschreiben und mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit hinterlegen. Mobilität ist immer ein Spiegelbild der Gesellschaft, in der sie stattfindet.

 

Bedeutet: Sie können mir nicht sagen, wie die Mobilität in 40 Jahren aussieht?

Ich kann Ihnen sagen, wie die Mobilität bei einer bestimmten Zukunftsentwicklung aussehen wird oder welche Mobilitätsentwicklung wünschenswert ist.

 

Sind Trends erkennbar?

Es gibt für uns drei dominante und relevante Megatrends: Urbanisierung mit Bevölkerungswachstum, Nachhaltigkeit und digitale Transformation. Hinzu kommt neuerdings noch die Pandemielage, also die Frage der Widerstandsfähigkeit von Mobilitätssystemen gegenüber unvorhergesehenen Krisen. Diese Megatrends zeigen auch schon ihre Wirkung.

 

Wo ist dies erkennbar?

Die Frage der Co2-Neutralität ergibt sich aus dem Trend der Nachhaltigkeit. Wir führen gerade eine intensive Debatte über Null-Emissionsantriebe. Dabei geht es um Elektround Wasserstoffautos. Wenn wir den Weg der Co2-Minderung konsequent weiter gehen, dann wird der dominante Antrieb der Elektroantrieb sein. Dafür gibt es auch gute politische Gründe in Europa. Der Logik des Klimawandels folgend, führt kein Weg daran vorbei. Daraus zu schließen, dass es auch so kommen wird, sollten wir nicht tun. Es gibt in anderen Teilen der Welt genug Menschen, in den USA zum Beispiel, die noch andere Wege gehen.

 

Also ist für uns nicht maßgebend, für welchen Weg sich die deutsche Gesellschaft entscheidet?

Wir müssen akzeptieren, dass die Marktentwicklung in Deutschland nicht mehr nur alleine davon abhängig ist, was deutsche Konsumenten wünschen. Sie hängt auch davon ab, was in anderen Teilen der Welt passiert, welche Technologiestrategien und - dynamiken dort entwickelt werden. Das ist für die deutsche Autoindustrie von entscheidender Bedeutung. Der Deutsche kann das eine wollen und dennoch tritt eine andere Entwicklung ein.

 

Weil zum Beispiel für deutsche Autobauer der chinesische Markt wichtiger ist?

Ja. Es spricht aber einiges dafür, dass der Trend zum Elektroantrieb sich fortsetzen wird. Die chinesische Regierung ist dabei, eine eigene, autonome Autoindustrie aufzubauen, die global agiert. Sie hat dabei erkannt, dass sie beim Verbrennungsmotorniemals den Vorsprung der westlichen Autoindustrie aufholen kann. Sie setzen auf die alternativen Antriebe, insbesondere auf den Elektroantrieb. Das ergibt für das Land auch Sinn, weil die chinesischen Ballungsräume, dicht, eng und schmutzig sind.

 

Gibt es bei Autos weitere Trends in Deutschland?

In den Ballungsräumen gibt es den Trend hin zum Carsharing. Diese Entwicklung ergibt sich aus der urbanen Verdichtung. Wir können somit aus den Megatrends Mobilitätstrends ableiten. Trotzdem möchte der Konsument, gerade in Deutschland, weiter leistungsstarke SUV’s fahren, auch wenn dies fundamental der Klimaentwicklung auf der Welt widerspricht.

 

Wirkt sich diesbezüglich die Corona-Pandemie aus?

Vor der Corona-Pandemie sah die Situation für die Deutsche Bahn und die Carsharing- Anbieter gut aus. Jetzt, wo soziale Distanz geboten ist, sieht es anders aus. Es kommt derzeit zur Restabilisierung des Privatautos. Diese Entwicklung kann über Jahre anhalten, wenn wir es auch in den kommenden Jahren noch mit dem Coronavirus oder anderen Pandemien zu tun haben. Vielleicht in Zukunft mit dem Unterschied, dass viele Autos von einem Elektromotor angetrieben werden. Auch der öffentliche Verkehr wird dann seine Probleme bekommen.

 

Kann die Politik Einfluss nehmen?

In Hamburg etwa ist der Jungfernstieg für den motorisierten Individualverkehr gesperrt. Die Politik kann und muss Einfluss nehmen. Bei der Entwicklung des öffentlichen Nahverkehrs haben wir Nachholbedarf. Da sind die skandinavischen Länder schon weiter. Die haben aber keine so starke Autolobby wie wir in Deutschland. Wir erleben in Kommunen, wie München oder Freiburg sowie das von Ihnen angesprochene Hamburg aber inzwischen ein Umdenken. Masseneffekte wird es aber erst dann geben, wenn die Bundespolitik regulativ eingreift. Wir müssen zum Beispiel über Infrastrukturinvestitionen die Nutzungsbedingungen für Elektrofahrzeuge verbessern, mehr Ladesäulen errichten, aber auch fiskalpolitisch Anreize schaffen und so die Nachfrage stützen. Die Politik in Deutschland muss sich klar positionieren: Wir wollen den Elektromotor, weil wir nur so unsere CO2- Ziele erreichen können.

 

Welche Rolle wird Künstliche Intelligenz bei der künftigen Mobilität spielen?

Künstliche Intelligenz kann im Bereich des öffentlichen Verkehrs, bei der Bahn und der Optimierung von Logistik eine gute Rolle spielen. Aber was die Optimierung des privaten Automobilverkehrs angeht, wird sie allenfalls die Fahrsituation unterstützen und die Verkehrssicherheit erhöhen. Das voll automatisierte Fahren wird es in absehbarer Zeit aber nicht geben.

 

Pressemitteilung, 31.10.2020.