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Wie entsteht eigentlich ein Stau?
 

Verkehrsexperte schildert verschiedene Szenarien – und was Autofahrer beachten sollten

„Ganz banal ausgedrückt: Staus entstehen dann, wenn mehr Autos auf der Fahrbahn sind, als diese Kapazität hat“, erklärt Prof. Dr. Michael Ortgiese. Er ist Professor für Verkehrs- und Mobilitätsmanagement an der Technischen Universität (TU) Berlin und Abteilungsleiter für Verkehrssystemtechnik am Deutschen Zentrum für Luftund Raumfahrt (DLR).

 

Staus aus dem Nichts

 

Ein Stau aus dem Nichts ist laut Ortgiese eine Sonderform, die dann entsteht, wenn sich die Kapazität der Autobahn an der Grenze befindet. Sind zu viele Autos unterwegs, kommt es zu Schwankungen, weil der Verkehr durch ständiges Beschleunigen und Abbremsen der Fahrzeuge ins Stocken gerät. Wenn ein Auto bremst, muss das zweite Fahrzeug dahinter noch stärker bremsen und das dahinter noch stärker – der sogenannte Ziehharmonika- Effekt. „Das schaukelt sich dann hoch“, sagt Ortgiese. Dazu komme, dass die meisten Autofahrer den Sicherheitsabstand nicht einhielten. Bei einer Geschwindigkeit von 100 Kilometern pro Stunde sollte ein Abstand von zwei Leitpfosten eingehalten werden. Das tun laut Ortgiese jedoch nur die wenigsten, vor allem wenn viele Autos unterwegs sind. Das verstärke den Ziehharmonika-Effekt, sodass „eine Schockwelle durch das Autobahn-Netz“ rollt und es zum Stillstand bringen kann.

 

Auf der Autobahn

 

Baustellen oder andere Störungen, die dafür sorgen, dass die Anzahl der Fahrstreifen reduziert werden, führen ebenfalls zu Staus. Auf einem idealen Fahrstreifen, also ohne Ein- und Ausfahrten, Kurven, Steigung, Gefälle oder Baustellen, passieren pro Stunde 1800 Autos ein und denselben Leitpfosten. Diese Zahl ergibt sich daraus, dass ein Auto, das 100 Kilometer pro Stunde fährt, zwei Sekunden braucht, um samt Abstand eine Autolänge nach vorne zu fahren, und eine Stunde 3600 Sekunden hat. Zwei ideale Fahrstreifen nebeneinander haben eine Kapazität von 3400 Autos – Spurenwechsel führen zu der Verringerung. Wenn nun ein Fahrstreifen gesperrt ist, müssen also alle 3400 Autos auf einem Fahrstreifen fahren, auf den eigentlich nur 1800 passen.

 

In der Stadt

 

In der Stadt entstehen Staus an Knotenpunkten wie Kreuzungen, erklärt Ortgiese. Dort müsse die nötige Kapazität zur Verfügung gestellt werden. Deswegen ist es an vielen Ampeln so, dass es zwei Fahrstreifen gibt, die geradeaus führen, die nach der Kreuzung wieder auf eine Fahrbahn reduziert werden. Idealerweise sollten in einer Grünphase alle Fahrzeuge die Ampel überqueren, die zuvor bei Rot gewartet haben. Sonst entstünde ein Stau.

 

Vermeidung

 

Am einfachsten vermeidet der Einzelne die Bildung eines Staus, wenn er mit dem Zug fahre, so Ortgiese. Durch die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel werde das Verkehrsaufkommen reduziert und Staus vermieden. Eine grüne Welle in der Stadt funktioniere nur, wenn weniger Autos unterwegs seien – am besten nur 85 Prozent des aktuellen durchschnittlichen Aufkommens.

 

Auf Autobahnen empfiehlt Ortgiese, sich dringend an die Geschwindigkeitsbeschränkungen zu halten. Wenn Autos langsamer fahren, verringert sich der einzuhaltende Sicherheitsabstand, sodass die Fahrer enger auffahren können, was die Kapazität der Fahrbahn vergrößert. Ganz wichtig sei es, die dynamischen Beschränkungen, also die digitalen Tempo-Anzeigen, zu beachten. Das setze aber ein ideales Fahrverhalten voraus.

 

Bei Baustellen und anderen Fahrbahnbeschränkungen sollten sich die Autofahrer an das Reißverschlussverfahren halten. Also: bis zur Sperrung der Fahrspur fahren und sich erst dann auf die andere Spur einfädeln. Die anderen Fahrzeuge sollten die Einfädler abwechselnd reinlassen.

 

Prof. Ortgiese betont außerdem, dass die Fahrer vorausschauend fahren, die Sicherheitsabstände einhalten und nicht zu schnell fahren sollten. Weniger Unfälle führten auch zu weniger Staus.

 

Pressemitteilung, 10.10.20.