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Fahrt mit dem intelligenten EcoBus
 

Forscher basteln am Nahverkehrssystem der Zukunft – auch mit Taxi und Bussen

Auf dem Dorf direkt an der Haustür abgeholt und wieder abgesetzt werden, und zwar dann, wann der Fahrgast will. Kein Weg zur Bushaltestelle, kein Suchen im Fahrplan – nur auf Bestellung per App. Ein Traum? Nein, ein Konzept an dem Göttinger Forscher unter dem Titel EcoBus schon in der Erprobung sind. Wir sprachen mit Prof. Dr. Stephan Herminghaus. 

 

Was zeichnet das Nahverkehrskonzept EcoBus aus?

Es verbindet Bequemlichkeit, Tür-zu-Tür-Transport, mit Nachhaltigkeit und geringen Kosten durch Bündelung verschiedener Fahrtwünsche auf je ein Fahrzeug. So wird eine dem Privat-PKW mindestens vergleichbare Bequemlichkeit bei geringerem Preis möglich. 

 

Es gab Testzeiträume und Testregionen – mit welchen Ergebnissen?

In einem längeren Pilotprojekt im Oberharz hatten wir nach nur sieben Monaten Laufzeit bereits eine Marktdurchdringung von etwa 13 Prozent, die Leistungsfähigkeit über eine Verbindung von Routen war trotz der geringen Zahl der Fahrzeuge – bis zu neun Kleinbusse bei rund 60 000 Einwohnern im Bediengebiet – etwa doppelt so hoch wie beim herkömmlichen Taxibetrieb. 

 

Beim Umsetzen von Projekten spielen die Kosten und die Kostendeckung eine wichtige Rolle – wie steht es um diese?

Der Kostendeckungsgrad wurde mit etwa 20 Prozent abgeschätzt, was wiederum auf die geringe Zahl der Fahrzeuge zurückgeführt werden kann. Mit etwa 150 Fahrzeugen wären sowohl der Mobilitätsbedarf als auch die Kosten weitgehend gedeckt gewesen. In diese Richtung wollten wir das Projekt aber nicht entwickeln, da es auf Kosten des Linienverkehrs gegangen wäre. Ziel muss die Vernetzung der Liniendienste mit der EcoBus-Kleinbusflotte für die letzte Meile sein. 

 

Wie müsste das Projekt gefördert werden, und wie passt das in die Finanzierung des öffentlichen Nahverkehrs in Deutschland und Südniedersachsen?

Es muss nicht nur in Südniedersachsen darum gehen, dass die öffentliche Hand ertüchtigt wird, ein attraktives Mobilitätssystem anbieten zu können, das dem Privat-Auto überlegen ist. EcoBus will ein entsprechendes Software-System schaffen. Der Betrieb und die rechtliche Einbettung geschehen nach wie vor über Ausschreibung einzelner Lose und Zuschlag an den jeweils günstigsten Anbieter. Somit bleibt die vollkommene Passung zu den bestehenden Förderstrukturen gewahrt. 

 

Wird das Eco-Bus-Projekt als Konkurrenz zu bestehenden Nahverkehren gesehen, wenn ja von wem und warum?

Diese Wahrnehmung bestand zunächst und ist auch verständlich. Shuttledienste wie MOIA, Clevershuttle und der Berlkönig neigen dazu, den Liniendiensten Kunden abzuwerben, und das Taxigewerbe sieht sich natürlich unmittelbar bedroht. Durch die intermodale Vernetzung der EcoBus-Kleinbusflotte mit den Linienverkehren werdennotdiese aber nun gestärkt. Und mit den Taxibetrieben haben wir ebenfalls Kooperationsmodelle entwickeln können, sodass diese Probleme als gelöst betrachtet werden können. 

 

Wird EcoBus weiter erprobt, wenn ja, wo?

Im Norden der Stadt Leipzig läuft seit nunmehr fast einem Jahr unter dem Namen Flexa die erste intermodale Version des EcoBus. Das Bediengebiet wurde kürzlich ausgeweitet, zusätzliche Erweiterungen sind für die nahe Zukunft geplant. 

 

Gibt es auch Interesse aus dem Ausland?

Es gibt Interesse aus dem indischen Bundesstaat Andra Pradesh, EcoBus als ÖPNVSystem für die neue geplante Hauptstadt Amaravati zu verwenden. Das Projekt ist im Moment allerdings aus rein politischen Gründen sistiert. 

 

Wie sieht die mobile Zukunft aus?

In der Zukunft sehe ich etwa zwei Drittel des Mobilitätsbedarfs durch Systeme der von uns entwickelten beziehungsweise beforschten Art gedeckt, das heißt: bedarfsgetrieben digital gesteuerte, und in intermodale Linien/ Kleinbus-Kombination. Der Rest wird auf Sonderbedarfe wie Großeinkäufe oder Urlaubsfahrten entfallen, die mittels Carsharing kostengünstig abgewickelt werden. In den Zeiten geringeren Bedarfs beliefert die Kleinbusflotte bedarfsgerecht kleine, dezentrale Logistikspots wie Dorfläden und sorgt auch so für die dringende Wiederbelebung des ländlichen Raums. 

 

Welche Möglichkeiten der Weiterentwicklung und Realisierung gibt es?

Wir stehen vor der Ausgründung einer Firma, die unsere Software und unsere Erfahrung in der Zusammenarbeit mit den Aufgabenträgern vermarkten wird. 

 

Ist der organisierte Nahverkehr und die Politik in Deutschland bereit und willens, Projekte wie Eco- Bus umzusetzen. Was ist für die Umsetzung notwendig?

Die Ablösung von Herrn Scheuer als Verkehrsminister.

 

 

Pressemitteilung, 08.10.20.