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Mit dem Rad entspannt den Berg hoch
 

Jeder kann derzeit ein Pedelec mit E-Motor ausleihen – Wir haben es in Vellmar getestet

Dieses Rad ist ein Monster. Der „Urban Arrow“ sieht nicht nur riesig aus. Mit seinen 2,60 Meter ist das Lastenrad fast so lang wie ein Smart. Damit durch den Straßenverkehr zu manövrieren, muss eine Herausforderung sein. Uwe Niede, Radverkehrsbeauftragter der Stadt Vellmar, beruhigt. „Man gewöhnt sich schnell daran und es lässt sich sehr gut fahren.“ Weil ich meist zu faul bin, im hügeligen Nordhessen das Rad zu nehmen, will ich wissen, ob mir mit einem Pedelec der Umstieg auf den Sattel leichter fallen würde. Uwe Niede und das Projekt „Radfahren neu entdecken“ geben mir dazu nun die Chance.

 

Das Projekt

Die Stadt Vellmar beteiligt sich in diesem Monat an der Aktion, die Teil der Nahmobilitätsstrategie für Hessen ist und vom Land Hessen unterstützt wird (die HNA berichtete). Bis zum 28. Februar verleiht die Stadt wochenweise und gratis elf Fahrräder mit Elektroantrieb (sechs Pedelecs, ein S-Pedelec, drei Cargo-Lastenräder und ein Familien-Lastenrad). So kann man testen, wie sich der Alltag mit einem Pedelec bewältigen lässt.

 

35 Vellmarer haben sich bereits angemeldet, und Uwe Niede gibt zu, dass er mit so einem Ansturm nicht gerechnet hätte – vor allem nicht im kalten Februar. „Ich freue mich, dass bei vielen Menschen offenbar ein Umdenken begonnen hat.“ Der erste Schwung Räder sei gleich am ersten Nachmittag abgeholt worden. „Das ist der Hammer“, sagt Niede, der selbst passionierter Radfahrer ist und auch ein Pedelec besitzt.

 

Der Test

Mit dem Familien-Lastenrad und einem normalen Pedelec wollen wir eine Runde durch Vellmar drehen und die Alltagstauglichkeit des Lastenrads testen. Vom Festplatz aus geht es durch die Ahne-Aue Richtung Kassel, auf dem Weg, den viele Pendler mit dem Rad nutzen und der ab 2020 eine der geplanten Raddirektverbindungen werden soll. Von dort fahren wir unter den Bahnschienen entlang und über die Felder in die Wiesenstraße. Hier lässt es sich entspannt fahren, es ist flach und es kommen uns nur ein paar Spaziergänger entgegen, an denen wir gut vorbeikommen, obwohl der „urbane Pfeil“ stattliche 70 Zentimeter breit ist. Es ist auch kaum Unterstützung durch den E-Motor nötig, aber ganz ohne geht es auch hier nicht.

 

Denn das Lastenrad wiegt schon ohne Einkauf oder Kinder in der Box schlappe 47 Kilo. Die, ohne Motor in Bewegung zu setzen, ist ein Kraftakt. Auch das Spiel zwischen Motor- und Gangschaltung ist am Anfang nicht ganz leicht, wird aber mit jedem gefahrenen Kilometer einfacher. Übung macht den Meister.

 

Die erste größere Herausforderung kommt in der Herrmann-Schafft-Straße hinter dem Polizeirevier Nord in Form des ersten Anstiegs auf uns zu. 40 Höhenmeter müssen bis zum alten Ortskern von Frommershausen überwunden werden. Kleiner Gang und die SportEinstellung beim Motor sind jetzt nötig, aber damit geht es gut, auch ohne groß ins Schwitzen zu kommen. Es geht vorbei am Nahkauf und weiter zur Kindertagesstätte Stadtmitte.

 

Eins wird schnell klar: Bei Pollern und engen Kurven ist Augenmaß wichtig und wenig Tempo. Sonst kann hier schnell etwas schief gehen.

 

Wir kreuzen die BrüderGrimm-Straße, fahren vorbei am Rathaus und durch den Ahnepark Richtung Herkules-Markt. Nach der Unterführung an der Haltestelle Vellmar-Osterberg kommt der ultimative Test. Der Osterberg, Vellmars höchster Punkt, liegt auf 258 Metern. Kleinster Gang, Turbo eingeschaltet, strampeln wir den Berg hoch. Ohne Elektromotor ging hier für mich gar nichts, schon gar nicht mit einem so schweren Rad. Runter geht es umso schneller. Auf der Harleshäuser Straße zeigt der Tacho Tempo 40 an und es wird klar, warum ein Helm auf dem Pedelec Pflicht sein sollte.

 

Das Fazit

Nach einer Stunde haben wir fast zwölf Kilometer mit dem Pedelec geschafft und von der Ahne-Aue bis zum Osterberg gut 90 Höhenmeter überwunden. Nicht geschwitzt und sehr erfrischt kommen wir am Festplatz an. Der Test hat gezeigt, dass ein mit Elektromotor ausgestattetes Familien-Lastenrad auch im hügeligen Nordhessen eine gute Alternative zum Auto sein kann. Es macht Spaß, hinterlässt eine gesunde Gesichtsfarbe und ist gut für die Umwelt.

 

Uwe Niede ist längst von den Vorzügen überzeugt und nimmt sein Pedelec fast jeden Tag, um zur Arbeit zu kommen. Er hofft, dass das Projekt „Radfahren neu entdecken“ in diesem Monat noch viele andere überzeugt, aufs Fahrrad umzusteigen. Vielleicht nicht immer, aber immer öfter. Es sei wie mit dem Popcorn, sagt er. Wenn der Mais in die Pfanne komme, sehe man erst mal nichts. „Aber irgendwann kommt dann der Punkt, da läuft es von selbst.“

 

Auch mich könnte der urbane Pfeil zur Radlerin machen. Wäre da nicht der stattliche Preis von über 4000 Euro. Aber für den Anfang muss es ja nicht gleich das große Lastenrad sein.

 

HNA, 11.02.2019 von Amira El Ahl