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Fahrradbranche will Städte erobern
 

Elektrisch und tragfähig: Bei der Eurobike wird die Mobilität der Zukunft vorgestellt

Marcus Dittberner merkt sofort, wenn die nächste Stadt ein Förderprogramm für Lastenräder startet. „München zum Beispiel hat das perfekt gemacht“, sagt der Geschäftsführer eines kleinen Berliner Lastenrad-Herstellers. Sofort seien bei seiner Firma mehr Anfragen eingegangen. „Das ist ein toller Hebel“, sagt Dittberner. „Diese Förderung ist für uns eine große Hilfe.“ Dittberners Firma zeigt als einer von 630 Ausstellern Fahrrad-Neuheiten bei der Messe Eurobike in Friedrichshafen. Die Branche hat wie kaum eine andere von der Pandemie profitiert: Im ersten Halbjahr wurden dem Zweirad-Industrie-Verband (ZIV) zufolge bundesweit schätzungsweise 1,2 Millionen E-Bikes verkauft, 9,1 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. „Der Fahrradboom hatte schon vorher angesetzt, aber Corona hat ihn zum Fliegen gebracht“, sagt ZIVGeschäftsführer Burkhard Stork.

 

Die Nachfrage ist so groß, dass Kunden wegen Problemen bei den Lieferketten oft wochen- oder monatelang auf ihr Wunschrad warten müssen. Der Geschäftsleiter für E-Bike-Systeme bei Bosch, Claus Fleischer, sagte, man habe es derzeit vor allem mit einer Verknappung von mechanischen Komponenten zu tun: Rahmen, Gabel und Bremsen. „Die Fahrradhersteller kämpfen um jedes Rad, das sie bauen können, weil immer wieder Komponenten fehlen.“ Knapp seien auch die elektronischen Bauteile. Das liege aber nicht nur an Engpässen bei den Lieferanten, sondern auch am gestiegenen Bedarf. „In jedem Auto werden immer mehr Steuergeräte verbaut, mehr Kameras für die Fahrerassistenzsysteme und zur Vorbereitung auf das autonome Fahren. In jedem Handy stecken mittlerweile drei Kameras. Früher war es eine.“ Die Nachfrage nach sogenannten Mikrocontrollern – das sind Halbleiterchips, die einen Prozessor und auch Peripheriefunktionen enthalten – sei viel höher als noch vor drei, vier Jahren, sagte Fleischer. „Die Produktion kommt nicht hinterher, weil der Aufbau einer Waferfabrik und der nachgeschalteten Prozesse eine lange Zeit in Anspruch nimmt, bis die Produktion so weit ist“, betonte Fleischer. Bosch produziert selbst keine Fahrräder, ist aber mit seinen Komponenten für E-Bikes aber der führende europäische Systemhersteller für Pedelecs.

 

Deutsche Hersteller verlegten sich zuletzt wegen der Material-Knappheit vor allem auf die Produktion von E-Bikes. Auch bei der Eurobike stehen sie im Fokus: E-Bikes sollen künftig vor allem Innenstädte prägen – und das nicht nur im Pendlerverkehr.

 

Thomas Reischmann, Geschäftsführer einer Kaufhaus- Kette im Allgäu und Oberschwaben, schaut sich daher auf der Messe neue Lastenräder an. „Wir haben einen Online- Shop, Kaufhäuser in Fußgängerzonen und viele lokale Kunden“, sagt Reischmann. „Mit Lastenrädern könnten wir Waren den ganzen Tag ausliefern, das können wir mit dem Auto nicht machen.“ Bisher laufe der Versand über einen großen Logistik- Dienstleister, sagt Reischmann. „Umweltmäßig ist das eine Voll-Katastrophe.“

 

Auf der Messe ist den Cargobikes eine Sonderfläche gewidmet, viele Hersteller zeigen Fahrzeuge für Lieferungen auf der „letzten Meile“ bis zur Haustür. Äußerlich erinnern einige Modelle kaum noch an Fahrräder: Eine Firma aus England präsentiert zum Beispiel eine Mischung aus E-Lastenrad und Minivan, mit der bis zu 150 Kilogramm Waren transportiert werden können – auf vier Rädern, mit zwei Scheinwerfern, überdacht und umgerechnet rund 14000 Euro teuer.

 

Gerade bei Kurzstrecken sieht die Branche noch große Wachstumschancen für E-Lastenräder. „70 Prozent aller Fahrten mit dem Auto sind eigentlich relativ kurz und rational nicht wirklich zu rechtfertigen“, sagt ZIVGeschäftsführer Stork. Bundesweite Kaufprämien für Privatleute, wie zuletzt von den Grünen im Wahlkampf gefordert, könnten dabei helfen: „Wir wollen eine Umsteigerprämie.“

 

Davon würden aber nicht nur Einwohner von Städten profitieren, glaubt die Geschäftsführerin des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC), Ann-Kathrin Schneider. „Das ist Unfug. Auch auf dem Dorf müssen Kinder zur Kita und Getränkekisten nach Hause gebracht werden.“ Wichtiger als Kaufprämien sei aber eine bessere Infrastruktur, betont Schneider. „Da hinkt Deutschland Jahrzehnte hinterher.“

 

Das sieht auch Fleischer so: „Radfahren muss auch Spaß machen – und das tut es nur, wenn es sicher ist.“ 60 Prozent der Menschen in Europa seien laut einer Umfrage am Radfahren interessiert, hätten aber Bedenken, sagt Fleischer. „Wir brauchen mehr gefühlte Sicherheit.“

 

Auch dazu stellt die Branche Neuheiten vor: Helme mit Rücklicht, Airbags, Brillen mit Rückspiegel. Letztlich fehlten aber „sichere Radwege“, betont ADFC-Geschäftsführerin Schneider. Die hat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zum Messe-Auftakt als Teil des „Nationalen Radverkehrsplans 3.0“ auch versprochen: 1,46 Milliarden Euro habe die Bundesregierung bis 2023 dafür eingeplant. Schließlich sei der Rad- Boom „eine sehr positive Entwicklung – gerade für unsere Innenstädte“.

 

Dort will die Branche Fahrräder und vor allem E-Bikes künftig noch stärker als Verkehrsmittel der Zukunft inszenieren: Im kommenden Jahr zieht die Eurobike von Friedrichshafen nach Frankfurt um.

 

Pressemitteilung, 02.09.2021.

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