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Ein Pragmatiker geht von Bord
 

Dieter Seidel, langjähriger Betriebsratschef bei Mercedes-Benz, wechselte in Altersteilzeit

Dieter Seidel hat so ziemlich alles erlebt, was einem erfahrenen Gewerkschafter widerfahren kann. 1984 war er dabei, als die IG Metall in einem sechseinhalbwöchigen Arbeitskampf - dem bislang längsten der deutschen Tarifgeschichte - die 35-Stunden-Woche erstritt. 1996 stand der langjährige Betriebsratsvorsitzende des Mercedes-benz-Achsenwerks in Kassel an der Spitze spontaner Arbeitsniederlegungen gegen den erfolglosen Angriff des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl auf die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. 2003/04 galt es, den Verkauf des seinerzeit defizitären Werks abzuwenden. "Die schwierigste Zeit überhaupt", wie sich Seidel erinnert. Und 2008/09 schließlich geriet auch Kassels größter Industriebetrieb in den Strudel der Weltwirtschaftskrise.

 

Umso größer ist die Freude des scheidenden Arbeitnehmervertreters über die hervorragende Stellung des konzernweiten Kompetenzzentrums für Lkw-, Bus-, Transporter-, Van- und Geländewagenachsen. "ich gehe mit einem sehr guten Gefühl aus dem Unternehmen", sagt Seidel anlässlich seines jetzt vollzogenen Wechsels in die passive Phase der Altersteilzeit. Dazu trägt auch bei, dass mit Jörg Lorz ein neuer Betriebsratsvorsitzender nach Seidels Vorstellungen gewählt wurde und der bisherige und neue Vize Rainer Popp auch künftig für Kontinuität im Gremium steht.

 

Hinzu kommt, dass mit dem neuen Werkleiter, Professor Dr. Frank Lehmann, ein erfahrener Lkw-Fachmann, Pragmatiker und Teamplayer mit der Standortleitung betraut wurde. Dessen Vorgänger, Ludwig Pauss, und Seidel haben das Werk in den vergangenen Jahren fit für die Zukunft und zu einer Ertragsperle gemacht. Trotz seiner vergleichsweise geringen Größe hat das Wort Kassels sowohl im Management als auch im Gesamtbetriebsrat Gewicht, und wo immer im Konzern in der klassischen Metallbearbeitung Probleme auftreten, ist die Kasseler Kompetenz gefragt.

 

Aber die Freude des streitbaren und konstruktiven Gewerkschafters wird durch Wehmut getrübt. "Ja, das Ausscheiden ist schon ein Einschnitt. Darauf muss ich mich erst noch einstellen", gesteht er.

 

Das früherer DKP-Mitglied "mit sehr radikalen Positionen", das seine einstige politische Gesinnung in den 1990er Jahren ablegte, gründete einst die alternativen Metaller (AM). Sie gingen in Opposition zur seiner Zeit verkrusteten IG Metall. Als es innerhalb der AM zum Streit über die künftige Ausrichtung kam, wandte sich Seidel wieder der IG Metall zu, der er bis heute angehört.

 

Mit Pragmatismus, Weitsicht, Verhandlungsgeschick und Hartnäckigkeit gelang ihm auch in schwierigen Situationen die Balance zwischen Arbeitnehmer- und betrieblichen Interessen. "Alle hehren Ziele sind nichts wert, wenn ein Standort nicht wirtschaftlich ist", sagt er.

 

So trugen Seidel und der Betriebsrat zum Teil schmerzlichen Schritte der früheren Werkleiter mit - dabei verfolgte Seidel das, was ihn stets begleitete: "Mein Anspruch war es stets, die Geschicke unseres Werks aktiv mitzugestalten."

 

HNA, 04.04.2018 von José Pinto